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Ein Drink an der Bar mit Yangzom Brauen

Best of Swiss Gastro | 6 September 2012

Die Persona non grata in China.

Yangzom Brauen ist Schweizer Schauspielerin und Autorin mit tibetischen Wurzeln. Keine Frage also, dass sie sich für Tibet engagiert. Hauptsächlich dreht sie jedoch Filme, führt zurzeit erstmals Regie und arbeitet am Drehbuch ihres Bestsellers «Eisenvogel». Für dieses interessiert sich sogar der Regisseur von «Lara Croft».

Von Christian Nill (Text) und Mischa Scherrer (Fotos)

Wir treffen Yangzom Brauen mitten im Sommer 2012 an der Bar des Zürcher Restaurants Totò. Yangzom befindet sich gerade auf Promotions-Tour für ihren neuen Film «Escape from Tibet». Nicht zu verwechseln mit ihrem Filmprojekt «Eisenvogel», bei dem sie ihre eigene autobiographischen Familiengeschichte zu verfilmen plant. Beim Gespräch wird klar: Diese Frau hat viele Eisen im Feuer.

Christian Nill: Damit wir es gleich hinter uns haben: Was trinken Sie?
Yangzom Brauen: Einen gespritzten Weissen, süss.

Nill: Auf Druck haben Sie den bestellt, muss man noch anfügen.
Brauen: (lacht) Ja, auf Druck! Ich hatte eigentlich Wasser bestellt, aber Sie überredeten mich dann zu einem Drink, weil Sie und ihr Fotograf auch schon ein Bier bestellt haben.

Nill: Wir hoffen, Sie kommen damit klar.
Brauen: Ich bin es mich nicht gewohnt. In Amerika trinkt man vor dem Abend keinen Alkohol, sonst steht man schnell im Verdacht, Alkoholiker zu sein. (lacht)

Nill: Jetzt ist Mitte Nachmittag, also schon fast Abend. Warum muss Ihr gespritzter Weisser süss sein?
Brauen: Ich liebe süss, Schokolade zum Beispiel. Oder wenn ich einen Drink nehme, dann muss er ebenfalls süss sein.

Nill: Sie haben im Moment einige Projekte am Laufen. Aktuell im Kino ist Ihr neuer Film, die deutsche Produktion «Escape from Tibet» (auf deutsch: «Wie zwischen Himmel und Erde»). Worum gehts?
Brauen: Es ist eine autobiographische Geschichte der Regisseurin Maria Blumencron. Es geht um eine Bergsteigerin, deren Mutter im Himalaja-Gebiet umgekommen ist. Sie besucht die Unglücksstelle und findet sich plötzlich inmitten eines Flüchtlingstrecks aus Tibet wieder. Zuerst will sie nichts damit zu tun haben, dann beginnt sie sich für die Kinder einzusetzen. Viele tibetische Eltern schicken ihre Kinder allein auf die Flucht.

Nill: Und Sie spielen?
Brauen: Eine tibetische Mutter mit Kind. Ihr Mann war ein Freiheitskämpfer, wurde von den Chinesen verhaftet und hingerichtet. Nun soll sie auch noch die Kugel für die Hinrichtung bezahlen. Sie weigert sich, erschiesst einen chinesischen Soldaten und muss ebenfalls fliehen.




Flucht nach Indien

Nill: Schon in Ihrer autobiographischen Familiengeschichte «Eisenvogel», deren Verfilmung Sie planen, geht es ebenfalls um eine Flucht aus Tibet. Keine Bedenken, dass sich diese Geschichten zu nahe kommen?
Brauen: Nein. «Escape from Tibet» spielt heute und handelt praktisch nur von der Flucht und der Ankunft in Nepal. Meine Familiengeschichte beginnt viel früher. Ein Teil des Films spielt in der Zeit vor der Chinesischen Invasion (1950, Red.), als meine Grossmutter noch ein 5-jähriges Mädchen war. Dann kommt die Phase, als sie Tibet verlassen mussten (Tibet-Aufstand 1959, Red.). Damals war meine Mutter 6-jährig. Sie flohen nach Indien. Ein weiterer grosser Teil spielt im Exil und die Geschichte, wie sich meine Eltern kennengelernt haben und in die Schweiz kamen, nimmt ebenfalls viel Raum ein.

Nill: «Eisenvogel» schlägt also einen viel grösseren Bogen.
Brauen: Ja, man bekommt mit, was vor der chinesischen Invasion war. Auch die Invasion selber spielt eine Rolle. Es wird ein epischer Film.

Nill: Dennoch: Hilft Ihnen dieses Rollenprofil der kämpferischen Tibeterin in der Selbstvermarktung?
Brauen: Das war ein Zufall. Die Regisseurin von «Escape from Tibet» kam bereits vor drei Jahren auf mich zu. Damals kam gerade mein Buch heraus und vom Filmprojekt hatte ich noch nichts gehört. Es ist auch das erste Mal, dass ich eine Tibeterin spiele. Und es gibt nicht wirklich viele Tibeterinnen, die schauspielern. Naheliegend, dass man schnell mich fragt.

Nill: Lassen Sie uns kurz Ihren Erfolg mit Ihrem Buch «Eisenvogel» Revue passieren: Sie schafften es in diverse Bestseller-Listen, u.a. in diejenige des deutschen Nachrichtenmagazins Der Spiegel. Das Buch wurde in acht Sprachen übersetzt und bis jetzt über 300'000 Mal verkauft. Ich gehe davon aus, dass Sie nicht mit so einem Erfolg gerechnet haben.
Brauen: Nein, allerdings. Ich dachte, es wird einige Leute interessieren. Aber gleich in die Bestseller-Liste des Spiegels? Inzwischen ist es auch in Amerika herausgekommen («Across many Mountains», Red.).

Nill: In diesem Buch geht es um Ihre Grossmutter, Ihre Mutter und Sie selbst. Warum hat es so eingeschlagen?
Brauen: Ich hatte eine gute Presse in der Schweiz und in Deutschland. Gute Pressearbeit ist elementar, wenn man ein Buch veröffentlicht. Sonst landet man irgendwo in einem Gestell, wo es niemand mehr rausnimmt. Ausserdem war ich in vielen Talkshows. Es ist wie beim Film: Ohne Werbung geht niemand ins Kino. Wenn aber Plakate hängen und darüber geredet wird, dann sind die Chancen besser. Die zweite Verkaufswoche ist sehr wichtig. Da sollte man bereits in einer Bestseller-Liste sein. Dann beginnt auch die Mund-zu-Mund-Propaganda zu greifen.


«Die Filmrechte bleiben bei mir.»

Nill: Haben Sie mit dem Buch etwas verdient?
Brauen: Ich erhielt von den Verlagen jeweils einen Vorschuss. Ich habe gelernt, dass dieser fix im Voraus abgemacht sein muss, unabhängig wie viele Bücher der Verlag verkaufent.

Nill: Das heisst, nach dem erwähnten Vorschuss haben Sie nichts mehr für «Eisenvogel» bekommen.
Brauen: Nein , aber es war ein guter Vorschuss. Irgendwann erhalte ich vielleicht wieder mal etwas.

Nill: Wie siehts denn nun mit dem Stand der Verfilmung von «Eisenvogel» aus?
Brauen: Meine amerikanische Drehbuchautorin schreibt gerade an der zweiten Fassung des Drehbuchs. Die Filmrechte habe ich nicht verkauft, die bleiben bei mir. Bei einem Verkauf hätte ich nichts mehr zu sagen. Ausserdem gibt es bereits einen Regisseur, der sich für das Projekt interessiert.

Nill: Kennt man ihn?
Brauen: Simon West *, er ist Engländer und wurde bekannt mit Filmen wie «Con Air» oder «Lara Croft: Tomb Raider». Aktuell läuft sein neuster Film im Kino: «The Expendables 2» (mit Sylvester Stallone, Bruce Willis, Arnold Schwarzenegger, Jason Statham usf., Red.).

Nill: Ein Action-Regisseur interessiert sich für Ihre Familiensaga?
Brauen: Weil er meistens Action-Filme dreht, würde er gerne einmal etwas Anderes machen. Wenn du in Amerika mit Action Erfolg hast, dann wollen die Studios, dass du Action-Filme drehst. Er las mein Drehbuch und ist interessiert und beschäftigt sich damit. Aber alles ist offen und kann sich jederzeit ändern.

Nill: Welches sind die nächsten Schritte?
Brauen: Eine gute Drehbuchfassung zu erstellen und es an die Produktionsfirmen zu senden. Dann kommt es darauf an, wie schnell man zu Geld kommt und wie schnell sich alles entwickelt. Es kann also noch zwei, drei Jahre dauern.

Nill: Letzte Frage dazu: Welche Funktion werden Sie haben im Film? Sie möchten ja auch mitspielen.
Brauen: Ich wäre die Produzentin und würde im Film auch eine Rolle spielen.

Nill: Welche – diejenige Ihrer Mutter oder Grossmutter?
Brauen: (lacht) Kommt drauf an wie lange es geht. Im Moment könnte ich noch meine Mutter spielen, wenns länger dauert spiele ich wohl meine Grossmutter.


Mutiges Engagement für Tibet

Nill: Sie sind nicht nur im Film-Business aktiv, sondern engagieren sich auch für die Sache Tibets, zum Beispiel für die Radiostation Tibet Connection. Die Situation muss für Sie sehr deprimierend sein. Seit 2009 kam es zu 52 Selbstverbrennungen * in Tibet (Stand August 2012; * siehe Links, Red.). Aber bewegen tut sich nichts.
Brauen: (überlegt) Ja. Unsere Radio Show Tibet Connection hat zurzeit kein Geld mehr, um überhaupt Sendungen produzieren zu können. Ein weiteres Problem ist, dass Touristen nicht mehr einreisen können. Es gibt eine totale Sperre für Tibet. Sehr viele der Selbstverbrennungen geschahen in Tibet selber. Die Chinesen sagen, der Dalai Lama würde die Mönche und Nonnen dazu anstiften. Das ist Unsinn. Uns zeigt die Situation, wie verzweifelt die Tibeter sind. Wir sind machtlos.

Nill: Was steckt hinter den Selbstverbrennungen?
Brauen: Im Buddhismus glauben wir an die Wiedergeburt. Es ist aus buddhistischer Sicht nicht gut, Selbstmord zu begehen. Aber es gibt eine Form, bei der man seinen Körper opfert, für das wohl seiner Mitmenschen. Und das machen diese Menschen: Sie verbrennen sich, damit es anderen besser geht. Ich stelle mir manchmal vor, wie das ist, wenn man sich selbst verbrennt. Ich könnte es nicht.

Nill: Was kann man tun?
Brauen: Es beginnt auch hier bei uns. Wir sollten darauf achten, woher die Produkte stammen, die wir konsumieren, und Made in China boykottieren. Das ist schwierig. Aber es gibt immer wieder Produkte aus China, die nicht gut oder nicht gesund sind. Weil es dort keine Kontrolle gibt. Es wäre gut, wenn die hiesige Bevölkerung sagt, nein, wir wollen keine Ware Made in China. Es gab diese bekannten Fälle, als Kinderspielsachen* zurück nach China geschickt wurden, weil darin Giftstoffe enthalten waren. (* Siehe auch Links)

Nill: Man sollte also nicht nur sein Portemonnaie vor Augen haben.
Brauen: Wir können bewusster einkaufen. Nicht immer nur das billigste. Und ich hoffe, dass die westlichen Regierungen mehr Druck machen, damit sich beispielsweise auch die Arbeitsbedingungen in China verbessern. Und die chinesische Regierung sollte sich ändern.

Nill: Eine schwierige Situation im Hinblick auf die rasante Entwicklung Chinas. Da wächst eine Weltmacht heran. Heute ist nicht mehr China auf den Westen angewiesen, sondern der Westen (und andere Weltregionen) auf China und dessen Investitionen. Da wird es schwierig, die chinesische Regierung zu Zugeständnissen zu bewegen. Wie behält man angesichts solcher Aussichten die Hoffnung?
Brauen: Das kann man so als Statement stehen lassen, oder? (lacht)




«Die chinesische Regierung hat Angst.»

Nill: Ok. Waren Sie wieder einmal in Tibet?
Brauen: Nein, ich würde auch gar kein Visum erhalten. Mein Bruder ist Künstler und lebt in Zürich. Er bewarb sich für ein Austauschstipendium in China. Damit er hätte nach China gehen können, derweil eine chinesische Künstlerin hierher gekommen wäre. Als mein Bruder, der Schweizer ist wie ich, das Visum für China beantragte, verweigerten es die chinesischen Behörden. Mein Bruder sass in der chinesischen Botschaft, alle Schweizer, die ebenfalls dort waren, wurden vor ihm ins Büro gerufen. Meinen Bruder liessen die chinesischen Beamten warten. Sein Antrag wurde schliesslich kommentarlos abgelehnt. Sogar das EDA (Eidgenössisches Departement für Auswärtige Angelegenheiten, Red.) half meinem Bruder und bemühte sich um ein Visum. No chance.

Nill: Und Sie denken, es liegt an Ihnen.
Brauen: Mein Bruder meinte später trocken zu mir: «Das hat wahrscheinlich mit dir zu tun, weil ich denselben Nachnamen habe wie du.»

Nill: Unangenehm für Sie.
Brauen: Das ist das Problem: Meine Haltung betrifft auch meine Familie. Tibeter erhalten eigentlich immer ein Visum für China, das ist ja nicht Tibet. Dass jetzt Tibeter keine Einreisebewilligung mehr für China erhalten, ist ungewöhnlich.

Nill: Was bedeutet das?
Brauen: Die chinesische Regierung hat offenbar wahnsinnig Angst.

Nill: Ich verfolge Ihren Weg seit Ihrer Schauspielschulzeit Mitte der 90er-Jahre. Zwischenzeitlich mussten sie beruflich unten durch. Als Sie nach L.A. zogen, mussten Sie auch als Kellnerin arbeiten.
Brauen: Richtig.

Nill: Heute bewegen Sie sich auf der ganzen Welt. Sie drehen in Indien, Amerika, Deutschland, in der Schweiz, geben in Japan Interviews und sind auch noch Botschafterin einer Automarke.
Brauen: Ja, von Fiat, mit Erdgas betrieben.

Nill: Danke. Bringt Sie Ihr bisheriger Weg manchmal zum Staunen?
Brauen: Da steckt viel Arbeit drin. Mit ein bisschen Drehen und warten, was sonst noch so auf mich zu kommt, ist es nicht getan. Das Socializen darf man nicht vergessen. Ausgehen, Einladungen folgen, Leute treffen. Das ist Teil des Künstlerberufs. Auch wenn man hin und wieder lieber einfach zuhause bleiben und einen Film schauen möchte. Zum Glück bin ich sehr sozial und gehe gerne unter die Leute. Ich tue viel, für meinen Erfolg. Es braucht Selbstinitiative und immer wieder neue Ideen, die ich dann verwirklichen will.

© www.bar-storys.ch, 2012


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