Award
Best of Swiss Gastro - der einzige Publikumspreis in der Schweiz -
zeichnet jährlich die besten neuen Gastronomiebetriebe aus.
Ein SVPler, ein Grünliberaler und ein paar Bier
Wahljahre können auch lustig sein. Vor allem dann, wenn man sich mit dem Präsidenten der grössten Schweizer Partei an der Bar verabredet und dieser 27 Minuten zu spät, dafür mit einem grünliberalen Kontrahenten auftaucht. Im Gespräch wird klar: Toni Brunner (SVP) zweifelt manchmal, Martin Bäumle lacht gern und zusammen sind sie die ungewöhnlichsten Buddys des Nationalrats.
Von Christian Nill (Text) und Mischa Scherrer (Fotos)
Christian Nill: Herr Brunner, warum treffen wir uns in der Bellevue-Bar in Bern?
Toni Brunner: Meine hochgeschätzte Assistentin hat mir berichtet, dass mich jemand an der Bar treffen wolle...
Nill: Also ich.
Brunner: Genau. Ich antwortete, das werde schwierig. Worauf sie sagte, es gebe ja eine Bar in der Nähe. Ich fragte, welche. Sie antwortete: die Bellevue-Bar. Ich erwiderte, bis um 22 Uhr hätten wir aber Session. Worauf sie beschloss, dass es demnach um 22:15 Uhr gehe. Und Sie sehen: Ich bin pünktlich. (lacht verschmitzt)
Nill: Hm. Hat Sie Herr Bäumle aufgehalten?
Brunner: Der Herr Bäumle ist keine Zufallsbekanntschaft, das stimmt. Wir hatten heute zum Essen abgemacht.
Nill: Herr Bäumle, gehen Sie oft mit Toni Brunner essen?
Martin Bäumle: Wir versuchen, uns einmal pro Session privat zu treffen. Zum Essen reichts nicht immer, aber für ein Bierchen schon. Ist unsere Tradition.
Nill: Steckt da mehr dahinter, oder ist das rein beruflich-politisch?
Bäumle: Ich glaube, wir könne sagen, dass wir uns privat gut mögen. Politisch haben wir etwas mehr Differenzen.
Brunner: Ja, er ist halt links. Das ist nur einer seiner Fehler, aber der ist akut. (Gelächter)
Nill (zu Bäumle): Was ist ein Fehler von Herrn Brunner?
Bäumle: (lacht) Da steht rechts eine Wand und davor steht Toni (Brunner lacht). Weiter rechts geht nicht. Darum ist von Toni aus gesehen alles links.
Nill: Sie trinken Bier – ist das Ihr Standard-Bargetränk?
Brunner: Ja. Weil in diesen Cocktails gibts die unmöglichsten, giftigen Farben. Da weiss man nie, ob da nicht auch gesundes Zeug drin ist, Früchte zum Beispiel. Ich finde, Früchte sollte man an den Bäumen hängen lassen oder dann pur essen, aber doch nicht vermixen.
Nill: Apropos mixen – metzgen Sie eigentlich selber?
Brunner: Nein. Ich bin zwar Fleischproduzent, aber ich brachte es nicht einmal übers Herz, den Seppen-Toni Pippin oder andere seiner Artgenossen...
Bäumle: Er meint Kaninchen.
Brunner: ... selber zu schlachten. Nachdem mein Nielenhandel eingebrochen war, stieg ich auf Hasenzucht um (schmunzelt). Und die Population wuchs viel zu schnell, weil ich es nicht schaffte, die Tiere zu metzgen. Ich kann keine Tiere töten. Ausser Fliegen und Mücken.
Nill: Da gibts ja allerhand Getier, auf so einem Bauernhof.
Brunner: Ja, auch Tod und Leben sind nahe beieinander. Man ist immer konfrontiert mit Situationen, die man nicht unbedingt sucht. Aber ein Bauernhof zeigt einem eben auch, wie das Leben ist – und da gehört auch der Tod dazu.
Nill (zu Bäumle): Waren Sie schon mal auf Brunners Bauernhof in Ebnat-Kappel?
Bäumle: Ja, mehr als einmal.
Nill: Also auch im Landgasthof Sonne, im sogenannten «Haus der Freiheit»?
Bäumle: Ja, wir haben sehr gut gegessen: Ein Stück Fleisch auf dem rohen Stein. Das war sensationell.
Nill: Ach, der Stein war roh?
Bäumle: Nein, ich meine auf dem heissen Stein. Das Lokal ist eher rustikal. Aber an so einem Ort passts.
Typische Geigerhändchen
Nill: Und zum Schluss haben Sie zusammen gesungen?
Bäumle: Zeitweise haben wir selber Musik gemacht. Aber es ist nicht so meine Musik, die bei Toni läuft.
Nill: Volksmusik? Machen Sie Musik, Herr Bäumle?
Bäumle: Ich habe Geige gespielt. Aber nur bis zur Matura.
Nill: Hat man Sie geprügelt?
Bäumle: Nein. Ich musste zwischen Musik und Zeichnen wählen. Und zeichnen kann ich gar nicht.
Nill: Klar, da wählt man schnell einmal die Geige. (zu Brunner) Spielen Sie ein Instrument?
Brunner: Ich muss sagen, ich habe es mir gedacht, dass er Geige spielt! Ich habe das nicht gewusst. Aber so etwas sieht man den Leuten an.
Nill: Woran denn?
Brunner: Wenn sie so feine Händchen haben (zeigt auf Bäumles Hände), können sie nur Geige spielen. Oder sie sind Grünliberal. (Bäumle lacht)
Nill: Und, spielen Sie ein Instrument?
Brunner: Ich habe mich schon in der ersten Klasse standhaft geweigert, Blockflöte zu spielen, weil das ist so...
Nill: Was?
Brunner: Also, ich genoss es einfach, wenn alle noch eine Stunde länger bleiben mussten, in einer Reihe sitzend und mit ihren Blockflöten im Mund. Und ich stand draussen am Fenster und winkte hinein… Ich kann nicht Noten lesen.
Nill: Können Sie wenigstens naturjodeln?
Brunner: Wenn ich einen Wunsch bei der Fee hätte, dann würde ich «Schwyzerörgeli» spielen wollen. Ich bin natürlich schon sehr mit der volkstümlichen Musik verbunden.
Nill: Natürlich.
Brunner: Natürlich vor allem mit der urchigen, mit der authentischen. Nicht das importierte Schlagerzeug, sondern die echte schweizerische.
Nill: Dann mögen Sie auch den Schweizer Popstar Bligg?
Brunner: (kurze Stille) Ja, ich hatte schon ein Streitgespräch mit ihm.
Nill: Worum gings?
Brunner: Migrationspolitik. Dort waren wir also nicht gleicher Meinung (lacht).
Nill: Was Sie erstaunt hat?
Brunner: Nein. Und er ist einer von denen, mit denen man reden kann. Nicht so ein krasser. Ich glaube sogar, er wird einen Prozess durchmachen und uns immer näher kommen.
Bäumle: Er wird wahrscheinlich ein Grünliberaler werden. (Gelächter)
Brunner: Der Bligg hat mit Leuten gespielt, die ich bewundere. Zum Beispiel mit einem jungen Hackbrettspieler...
Nill: Nicolas Senn...
Brunner: Genau. Den habe ich schon öfters engagiert. Und Bligg hat einen Hit gelandet (Legändä und Heldä, die Red.), mit dem er die Schweizer mitten ins Herz getroffen hat dank diesem Mix aus Traditionen und Affinität für das Schweizerische.
Nill: Können Sie den Hit, den Sie meinen, vorsingen? (Bäumle lacht)
Brunner: Sie, ich war zwar fünf Jahre im Männerchor ¬– aber Sie werden mich nicht verleiten, heute Abend für Sie zu singen. Ausser...
© www.storyline.ch, 2011
Das ganze Interview, weitere Bilder sowie Toni Brunners SMS-Geplänkel mit seiner Assistentin gibt es jetzt auf Bar-Storys.ch.
