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Ein Drink an der Bar mit Christophe Darbellay
Ein Politiker, der sich gewaschen hat.
Christophe Darbellay ist Parteipräsident der CVP Schweiz. Der Walliser war 2007 massgeblich an der Abwahl seines Namensvetters Christoph Blocher aus dem Bundesrat beteiligt. In seiner Freizeit jagt er gerne.
Von Christian Nill (Text) und Mischa Scherrer (Fotos).
Das Gespräch selbst fand an einem heissen Sommertag im Café Fédéral direkt vor dem Bundeshaus statt. Darbellay trinkt entgegen seiner Gewohnheiten keinen Walliser Weissen, sondern eine frische Stange.
Christian Nill: Herr Darbellay, falls wir uns in Ihrer Freizeit zu diesem Drink getroffen hätten und Sie nicht gleich zurück ins Bundeshaus müssten – wo wäre das gewesen?
Christophe Darbellay: Im Wallis. In meiner Freizeit bin ich immer dort. Es ist meine Heimat, und ich bin gerne in der Natur. Ich hätte uns eine schöne Terrasse in den Bergen ausgewählt.
Nill: An welche denken Sie?
Darbellay: Zum Beispiel das Belvedere in Martigny, das hat eine schöne Terrasse. Von dort aus überblickt man das ganze Rhônetal.
Nill: Was würden Sie trinken?
Darbellay: Walliser Wein. Aber heute ist es so heiss – ich bin durstig...
Nill: Das Wallis ist ja berühmt für seine autochthonen Weinsorten und seine Winzer. Wäre das für Sie nach der Politik eine Alternative?
Darbellay: Ich bin bereits Verwaltungsratspräsident einer mittelgrossen Weinfirma im Wallis. Ich könnte es mir durchaus vorstellen. Ich wäre dann allerdings eher im Verkauf tätig.
Der gute Verkäufer Darbellay
Nill: Sind Sie ein guter Verkäufer?
Darbellay: Ja, das habe ich auch immer wieder gerne gemacht.
Nill: Sie waren Weinverkäufer?
Darbellay: Als Student habe ich für Kollegen sehr viel Wein verkauft. Ich organisierte immer Walliser Wein für Partys. Mein Vater war Verkaufsleiter bei Provins, der grössten Weinfirma der Schweiz.
Nill: Welches ist Ihr Lieblingswein aus dem Wallis?
Darbellay: Petite Arvine und Cornalin; sowohl weiss wie rot.
Nill: Wir befinden uns langsam im Endspurt des Wahlkampfs für die National- und Ständeratswahlen vom 23. Oktober 2011. Könnten Sie meinem Kolleg, Fotograf Scherrer und mir einen Grund nennen, weshalb wir CVP wählen sollten?
Darbellay: Da brauchts keine Erklärung, das ist absolut selbstverständlich... (lacht)
Nill: Aha.
Darbellay: Mit Doris Leuthard machen wir eine gute Mittepolitik. Wir sind die Partei, die zuständig ist für die Lösung zum Atomausstieg. Dank der CVP wurde der Atomausstieg nun geschafft.
Nill: Ich verstehe oft nicht, wo die CVP gerade steht.
Darbellay: Wir wissen, wie das Volk denkt. Wir gewinnen über 80 Prozent aller Abstimmungen an der Urne. Eine so hohe Quote hat keine andere Partei.
Nill: Gratuliere. Dennoch: Sie haben verschiedene Flügel innerhalb der CVP. Einen konservativen, einen Agrar-orientierten und dann die linke Seite. Wie sehen Sie sich?
Darbellay: Wir sind die Mittepartei par excellence! Das Original in der Mitte. Wir machen durchaus bürgerliche Politik in Sachen Wirtschaft, Sicherheit und Finanzen. Es wird aber immer wieder von Journalisten oder politischen Gegnern erwähnt...
(An dieser Stelle hat das Parteisekretariat der CVP ein hartes Wort von Darbellay durch «politische Gegner» ersetzt, Red.)
... dass die CVP keine klare Meinung habe. Vor allem den Polparteien gefällt nicht, dass die CVP eine klare Meinung hat, dass sie eine Position hat, die nicht die SVP-Position ist, aber definitiv auch keine linke.
Heilig oder unheilig?
Nill: Dennoch spannen Sie je nach Geschäft mit rechts oder links zusammen.
Darbellay: Alle Parteien machen das. Es braucht drei Parteien, sonst gibt es keine Mehrheit und damit auch keine Lösungen. So funktioniert die Schweiz heute.
Nill: Dem sagt man dann «unheilige Allianzen», oder?
Darbellay: Nein, unheilig sind sie, weil sie aus unnatürlichen Partnern besehen, zum Beispiel wenn SP und SVP aus unterschiedlichen Gründen zusammenspannen und alles blockieren.
Mir ist es egal, wenn die SVP eine gute CVP-Lösung in Sachen Sicherheit oder Familie unterstützen möchte. So funktioniert Politik in der Schweiz.
Nill: Kürzlich warfen Sie den beiden Polparteien SVP und SP u.a. vor, sie würden systematisch das Volksrecht missbrauchen, weil beide Parteien eigene Initiativen lancierten.
Darbellay: Das stimmt. Beide Parteien lancieren alle zwei Wochen eine neue Initiative.
Nill: Ist vielleicht ein bisschen übertrieben?
Darbellay: Bundesratsparteien mit zwei Sitzen, wie die SP oder einem wie die SVP sollten anders etwas bewirken können, mit so vielen Sitzen im Parlament. Wir wurden gewählt, um zu arbeiten.
Nill: Die CVP hat aktuell selber zwei Initiativen lanciert. (Initiative, um die Familie zu stärken sowie Initiative, um die «Heiratsstrafe» abzuschaffen, Red.) Das ist offenbar was Anderes.
Darbellay: Ja klar. Es ist die Ausnahme, wir machen das nicht ständig. Nur, wenn wir eine Sache im Parlament nicht durchgebracht haben und es sich um wichtige Fälle handelt.
Nill: Diesen Grund könnten auch die anderen beiden Parteien für sich beanspruchen. Trotzdem: Sie werfen der SP und der SVP vor, sie würden dies nur tun, um Aufmerksamkeit zu generieren.
Darbellay: Ja, ich denke, sie machen das aus propagandistischen Gründen. Früher, als mein Kollege Ueli Maurer (Bundesrat, zuständig fürs VBS, Red.) noch Parteipräsident der SVP war, versicherte er mir, es geschehe genau aus diesem Grund.
Nill: Beneiden Sie denn die SVP um ihre Aufmerksamkeit?
Darbellay: Nein, ich beneide sie nicht. Die SVP hüllt sich immer in die Schweizer Flagge ein, aber sie zerstört langsam unser Land und unsere politische Kultur.
Nill: Als ich mich in Vorbereitung auf unser Treffen u.a. auch in Internetforen umgesehen habe, las ich immer wieder Kommentare, in denen die Glaubwürdigkeit der CVP infrage gestellt wurde. Es hiess an verschiedenen Stellen, die CVP sei genau so lange für die Konkordanz, wie es ihr nütze, ansonsten sei sie dagegen.
Darbellay: Ich bin immer für die Konkordanz gewesen.
Nill: Bloss welche Konkordanz? Da wurde in letzter Zeit ja eine subtile Deutungsänderung vorgenommen: Mathematische gegen inhaltliche Konkordanz.
Darbellay: Ich bin noch immer für die Konkordanz.
Nill: Schön zu hören. Aber für welche?
Darbellay: Es ist eine mathematische Konkordanz, aber nicht nur.
Nill: Wer hätte es gedacht.
Darbellay: Es ist eine inhaltliche Konkordanz.
Nill: Jetzt plötzlich.
Darbellay: Ich habe echt Mühe mit den Linken, wenn die sagen, sie wollen die Armee abschaffen, um jeden Preis in die EU und den Kapitalismus überwinden. Und ich habe sehr Mühe mit der SVP, wenn sie sagt, sie werde die Bilateralen kaputt machen. Es braucht einen gemeinsamen Nenner. Ausserdem...
Nill: Ja?
Darbellay: Die Leute, die in den von Ihnen erwähnten Internetforen Kommentare schreiben, sind nicht sehr spontan.
Du sollst nicht von den andern reden
Nill: Wie meinen Sie das?
Darbellay: Teilweise werden die Leute dafür bezahlt, teilweise stehen PR-Agenturen dahinter, die solche Kommentare schreiben. Uns fehlen die Mittel, um dies effizient zu kontern. Aber noch einmal zum Thema Konkordanz: Ich gehöre zu denen, die den «Guru» nicht wieder in den Bundesrat gewählt haben; ich habe ihn sogar gar nie gewählt. Dazu bin ich immer gestanden. Von Anfang an habe ich gesagt, ich bin nicht für diesen Mann. Ich respektiere ihn als Unternehmer, aber es ist meine Freiheit, ihn nicht zu wählen.
Nill: Sie sprechen von Christoph Blocher.
Darbellay: Ja, das haben Sie richtig verstanden. Man soll nie zuviel von den Anderen reden; man muss von sich selbst und von der eigenen Partei sprechen.
Nill: Sie sprechen die ganze Zeit von der SVP.
Darbellay: Ja, sehr indirekt.
Nill: Es geht.
Darbellay: Weil sie langsam das System zerstören.
Nill: Nun gut, es ist Wahlkampf, da brauchts grosse Töne. Lassen Sie uns kurz über den Privatmann Darbellay reden. Zweifeln Sie manchmal?
Darbellay: Alle Politiker, die behaupten, nie einen Zweifel zu haben, sollten wir in die Wüste schicken. Zweifel gibt es, das ist normal. Man muss schwierige Entscheidungen fällen, die die Welt verändern können.
Nill: Zum Beispiel?
Darbellay: Hätte man derart viele Massnahmen gegen den Terrorismus ergriffen – vor dem 11. September? Auch die Fukushima-Katastrophe hat viel bewegt.
Nill: Davon profitieren Sie nun auch.
Darbellay: Hoffentlich! Aber es gibt Tausende schwierige Geschäfte, in denen man sich entscheiden muss. Und ab und zu muss man auch erkennen, dass man Fehler gemacht hat.
Die komplizierte Sache mit der Holenweger-Affäre
Nill: Was tut man dann als Politiker?
Darbellay: Es macht die Grösse und Stärke eines Politikers aus, zu erkennen, wenn man einen Bock geschossen hat. Dies macht Obama (US-Präsident, Red.) regelmässig seit Beginn seiner Amtszeit. Schon einige Male sagte er, sorry, I messed up.
Nill: Das kostet ja eigentlich auch nichts, oder?
Darbellay: Ja. Es ist jedoch sehr unangenehm, zuzugeben, dass man einen Bock geschossen hat.
Nill: Von Frau Lucrezia Meier-Schatz kam nie eine Entschuldigung. (Meier-Schatz ist eine St. Galler CVP-Nationalrätin; sie behauptete kurz vor den Wahlen 2007, der damalige Bundesrat Blocher sei in ein Komplott gegen den damaligen Bundesanwalt Valentin Roschacher (CVP) verwickelt; sie sprach von einem Plan von Leuten um Oskar Hollenweger, um Roschacher aus dem Amt zu drängen, der sogenannte H-Plan. Christoph Blocher wurde wenig später als Bundesrat nicht wiedergewählt; die Komplottvorwürfe gegen Blocher haben sich später als frei erfunden herausgestellt, Red.)
Darbellay (lachend): Da müssen Sie Frau Meier-Schatz fragen.
Nill: Ich frage Sie, Sie sind immerhin Parteipräsident.
Darbellay: Frau Meier-Schatz hat damals sehr stark darunter gelitten.
Nill: Sie dürfte nicht die einzige gewesen sein.
Darbellay: Sie polarisiert stark. Aber sie ist eine sehr intelligente Frau, die viel arbeitet. Es ist wie bei Stachanow im System des Kommunismus. (Alexej Stachanow; ein sogenannter Held der Arbeit in der Sowjetunion; der Stachanovismus steht für Spitzenleistungen in der kommunistischen Produktion, Red.)
Nill: Hä? Also gehts um Quantität vor Qualität, wollen Sie das sagen?
Darbellay: Nein, Frau Meier-Schatz arbeitet sehr gut.
Nill: Na gut, ich sehe, ich komme nicht weiter. Lassen wir dieses Thema. Ich nenne Ihnen zum Schluss noch einige Namen und Sie sagen bitte kurz, was Ihnen dazu einfällt. Ok?
Darbellay: Ist gut.
Friedliches Namedroping
Nill: Lara (Kampfkuh-Maskottchen der CVP, Red).
Darbellay: Lara ist unsere Ehringer-Kampfkuh, die kämpft und kämpft. Das sind keine normalen Kühe, das sind Königinnen.
Nill: Bewundern Sie Königinnen?
Darbellay: Bei den Kühen schon. (lacht)
Nill: Sonst nicht?
Darbellay: Naja ich bewundere sie nicht und mach sie auch nicht schlecht. Es ist ein anderes System. Die Schweiz hatte noch nie eine Monarchie und ich hoffe es bleibt so, denn die Demokratie ist für mich das Beste.
Nill: Christoph.
Darbellay: Christophe? Darbellay! Mit E. (lacht)
Nill: Oskar.
Darbellay: Oscar ist ein Roboter, den man in der Küche gut verwenden kann. Oscar le robot. Wurde an vielen Messen verkauft.
Nill: Elvis.
Darbellay: Presley. Im Dorf, in dem ich aufwuchs, gibt es einen, der sich total mit Elvis identifiziert. Er lebt wie Elvis, zieht sich gleich an, hat die gleiche Frisur. Ich kenne diesen Typen seit er 20 war; mittlerweile ist er 50 und lebt noch immer wie Elvis Presley. Man nennt ihn Elvis Conté, das ist der Name des Dorfes. Ein Original.
Nill: Madonna.
Darbellay (lacht): Madonna? Als Schauspielerin und Sängerin mag ich sie.
Nill: Sie denken an die Sängerin Madonna?
Darbellay: Ich denke an die Frau.
Nill: An welche Frau?
Darbellay: An Madonna.
Nill: Den Popstar?
Darbellay: Madonna Popstar.
Nill: Das erstaunt mich. Von einem christlichen Politiker hätte ich eine andere Antwort erwartet.
Darbellay: Si vous m’avez dites «la Madonne», je pense à la Vierge, mais si vous dites «Madonna» je pense a la chanteuse.
Nill: Aha, eine sprachliche Finesse, dank der Sie noch einmal knapp davon kommen...
Darbellay: Genau. Ich bin Westschweizer durch und durch. Da gibt es manchmal Nuancen, die man anders interpretiert.
Nill: D’accord. Paulus?
Darbellay: Bei Paulus denke ich an Jean-Paul II (Papst Johannes Paul der Zweite, Red.). Also an Paulus den Zweiten, den vorletzten Papst.
Nill: Ein Vorbild?
Darbellay: Ja, eine sehr grosse Persönlichkeit, die durchaus eine politische Rolle gespielt hat. Man hat es ihm zu verdanken, dass der Kommunismus nicht mehr im Ausmass wie früher existiert.
Nill: Xherdan.
Darbellay: «Scherdan»?
Nill: Xherdan mit XH geschrieben. Xherdan Shaqiri.
Darbellay: Ah, Shaqiri. Das ist ein... Was schon wieder?
Nill: Junger Fussballer, der beim FC Basel und in der Nationalmannschaft spielt.
Darbellay: Ja klar, der Basler. Das 2:0 beim EM-Spiel Schweiz gegen Spanien habe ich gehört. Das ist ein Zeichen, dass viele Ausländer wichtig sind für unser Land.
Nill: Xherdan ist kein Ausländer. Sonst dürfte er ja nicht für die Nationalmannschaft spielen.
Darbellay: Ja gut, eingebürgert. Diese sind wichtig, auch wenn sie von gewissen Leuten dauernd schlecht geredet werden. Wir haben ein Problem mit einer Minderheit der letzten Migrantengeneration, und das soll gelöst werden. Auch mit scharfen Massnahmen. Aber man sieht im Sport, in den Spitälern und im Gewerbe, wie wichtig diese zugewanderten Leute sind. Hier im Café Fédéral gibt es eine deutsche Bedienung, die zu den besten gehört. Ohne sie würde die Schweiz nicht funktionieren.
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