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zeichnet jährlich die besten neuen Gastronomiebetriebe aus.


Ein Drink an der Bar mit Andreas Thiel

Der satirische Einbahnfahrer.

Andreas Thiel ist ein Schweizer Satiriker, der sagt, was er will. Er verzichtet auf Subventionen und dort, wo andere aus politischer Korrektheit mit der Zensurschere im Kopf arbeiten, lässt sich Tabubrecher Thiel lieber zensurieren. So geschehen beim Schweizer Fernsehen und Radio DRS. Seine Gegner bezeichnen ihn als «rechten Satiriker». Aber das ist ihm egal.

Von Christian Nill (Text) und Mischa Scherrer (Fotos).

Christian Nill: Herr Thiel, wir befinden uns im El Lokal mitten in Zürich, direkt neben der Sihl. Weshalb haben Sie sich für dieses Lokal entschieden?
Andreas Thiel: Ich mag Flüsse, ich habs gerne wenns fliesst. Und drinnen ist es sehr bunt und lebendig, das entspricht mir. Mein erster Beruf war ja Bauzeichner. In den ersten Skizzen sind immer die verrücktesten Farben und Formen. Danach wird alles zu einem viereckigen, grauen Kompromiss heruntergebrochen, bis alles aussieht wie eine Schuhschachtel.

Nill: Und hier im schrägen El Lokal herrscht das Gegenteil von grau und viereckig.
Thiel: Genau. Das hat sicher auch damit zu tun, dass nebenan die Schauspielschule ist. Mir gefällt dieses Lebensgefühl.

Nill: Das Rimini stand auch auf Ihrer Liste. Trifft man sie auch an diesen Orten?
Thiel: Also das Rimini ist genau so, wie  es tönt. Mitten in Zürich, viel Wasser, ein paar Liegestühle und schon hat man das Gefühl, man sei ein bisschen in Rimini. Ob man mich hier trifft? (seufzt) Wenn ich in der Schweiz bin und Zeit habe, ja, dann an solchen Orten.

Nill: Was trinken Sie?
Thiel: Ich habe ein «Club Mate» bestellt. Das hat mir die freundliche Dame an der Bar empfohlen.

Nill: Da hats auch Koffein drin.
Thiel: Das ist gut, ich muss noch nach Bern fahren.

Nill: Mit dem Auto?
Thiel: Es kommt drauf an, wie spät es wird... Je nachdem nehme ich den Zug oder das Auto.

Nill: Und Alkohol ist in diesem Getränk ja keiner drin, es wäre also kein Problem. Trinken Sie überhaupt Alkohol?
Thiel: Oh ja.

Nill: Ich habe in einer Ihrer Kolumnen gelesen, dass Sie den Virgin Breeze...
Thiel: ...Virgin Sea Breeze...

Nill: Danke. ...Dass Sie den Virgin Sea Breeze mögen. Der ist ebenfalls alkoholfrei.
Thiel: Den würde ich bestellen, wenn es sonst keine feinen Drinks gäbe.

Keine Drinks mit Huhn

Nill: Ich dachte: Vielleicht trinkt man als Vegetarier wie Sie auch keinen Alkohol.
Thiel: Das hat ja nun nichts miteinander zu tun. Aber ein destilliertes Huhn würde ich natürlich nicht trinken.

Nill: Das heisst, man kann mit Ihnen auch abstürzen?
Thiel: Ja ja. Allerdings hab ichs nicht so mit Schnaps und Bier, ich trinke lieber Wein.

Nill: Macht sich da das zunehmende Alter bemerkbar?
Thiel: Nein, das war schon immer so.

Nill: Was hat Sie dazu bewogen, mitzumachen?
Thiel: Mein Manager. Ich weiss gar nicht, worum es geht.

Nill (lacht): Sie haben keinen Schimmer, worum es hier  geht? Toller Manager...
Thiel: Ich weiss nur, das es einen Namen hat wie  «Ein Talk an der Bar» oder «Ein paar Stunden im Barleben von»... Mehr weiss ich nicht.

Nill erklärt das Konzept und fährt fort.
Nill: Sie haben selber auch schon an einer Bar gearbeitet.
Thiel: Ja. Im Restaurant Fuchshöhle in Solothurn, vor über 20 Jahren. Und dann sicher noch 10 weitere Jahre lang vorwiegend im Sommer, wenn die Theater zu sind. Einmal machte ich sogar eine Saison in einer Forellenbeiz im Jura.

Nill: Wie heisst die?
Thiel: Auberge de la Bouège. Wegen des Trinkgeldes waren das gute Jobs zum Geld Verdienen. Im Service würde ich jederzeit wieder arbeiten.

Nill: Mit 17 Jahren haben Sie das Gymnasium geschmissen...
Thiel: Also das Gymnasium hat mich geschmissen, ja. (lacht)

Nill: Fanden Sie das damals cool?  
Thiel: Sagen wir es so: Das war quasi das erste Mal, dass ich Freiheit gespürt habe. Aber mein Umfeld war darüber natürlich nicht begeistert.

Nill: Also Ihre Eltern?
Thiel: Genau. Aber ich wäre sonst nicht das geworden, was ich heute bin. Nach dem Rauswurf realisierte ich, dass ich nun jeden Beruf wählen kann, den ich möchte. Zuvor dachte ich, ich müsse entweder Physiker oder Germanist werden.

Nill: Und der Rausschmiss hat Ihren Horizont geöffnet.
Thiel: Ja. Ich habe die Aufnahmeprüfung für die Kunstgewerbeschule gemacht, schaffte es aber nicht einmal an die Hauptprüfung. Also machte ich eine Lehre als Bauzeichner. Als die Rezession in den 90er-Jahren kam, waren die Jobs weg und ich entschied mich, die Schauspielschule zu besuchen.

Nill: Ein völlig logischer Weg. Waren Sie ein Problemkind?
Thiel: Da müssten Sie meine Eltern fragen.

Nill: Vielleicht haben die Eltern Ihnen gegenüber mal etwas erwähnt?
Thiel: Sagen wir es so: Ich möchte weder meine Eltern noch irgendeiner meiner Lehrer gewesen sein. Einerseits war ich ein Sunnyboy, ein fröhliches Kind, andererseits hatte ich nur Unfug im Kopf.

Das Element der Frechheit

Nill: Hat man Sie auf Theaterbühnen gesehen, als Schauspieler?
Thiel: Während rund zwei Jahren spielte ich in einigen Trash-Produktionen mit.

Nill: Was haben Sie gespielt?
Thiel: Das waren schlecht improvisierte Impro-Theater mit Band und vorproduzierten Filmsequenzen. In der ersten Produktion «Stammtisch» spielte ich einen sehr unangenehmen Typen, einen Autoverkäufer. Der war offenbar so nervig, dass mir die Serviertochter, also die Schauspielerin, die die Serviertochter spielte, einmal mitten im Stück ein ganzes Bier über den Kopf geleert hat. (lacht) Zur grossen Freude des Publikums.

Nill: Sie denken, das war eher echt als gespielt?
Thiel: Ja... Obwohl wir uns sehr gut verstanden hatten. Danach folgte noch eine Trash-Oper.

Nill: Eine Oper?!
Thiel: Das hatte sich so genannt. Es war einfach etwas musikalischer. Ich spielte einen Abwart, der nichts anderes tat, als dauernd Glühbirnen zu wechseln.

Nill: War der Autoverkäufer eine Rolle, in der Sie sich wiedererkannt haben?
Thiel: Nein.

Nill: Gibt es einen Teil von Ihnen, der einem Autoverkäufer entspricht?
Thiel: Nein.

Nill: Leuten Geschichten erzählen, das Publikum einseifen?
Thiel: Nun... Ein Autoverkäufer ist ein Menschenschlag, der mit allen auf Kumpel macht. Auf Kumpel machen hat mich nie interessiert. Ich bin freundlich und höflich. Ich wäre zu höflich, um Menschen ein Auto zu verkaufen. Ich bin kein Verkäufer. Ich würd eher abraten, das Auto zu kaufen, weil es schon Rost hat...

Nill: Ihre Bühnenfigur ist ein Dandy – wie viel davon ist Andreas Thiel? Oder wie sehr sind Sie ein Dandy?
Thiel: ...

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